Die Powerfrau und das Phantom der 100 Prozent

von Marcus Woggesin – 17. Februar 2026

Sie ist eine wandelnde Sollbruchstelle. Die Powerfrau. Sie jongliert Karriere, Familie, Selbstoptimierung und den perfekten filtrfreien Sonnenuntergang auf Instagram. Sie ist das menschgewordene Versprechen, dass man alles haben kann – solange man nur genug Koffein und Disziplin tankt.

Doch hinter der glänzenden Fassade tickt keine Maschine, sondern ein Organ, das gnadenlos Puffer fordert: das Herz. Und das Hirn. Und der erschöpfte Körper. Die Wahrheit ist so unbequem wie ein zu enger Bleistiftrock: Nicht jede Powerfrau kann konstant 100% geben. Wer das behauptet, verkauft Illusionen als Lebensentwurf.

Die Vorstellung, wir wären E-Mails versendende Duracell-Hasen, ist ein kapitalistischer Trick im feministischen Gewand. Sie macht die Frau zur Managerin ihrer selbst – mit der brutalen Vorgabe, dass jeder Stillstand ein Rückschritt ist. Mal gibt das Leben aber nur 30% her, weil das Kind krank ist, die Seele pfeift oder einfach die Energie im Homeoffice versackt ist.

Und wisst ihr was? Das ist kein Defekt, sondern menschlich. Die eigentliche Power liegt nicht darin, immer zu glänzen, sondern den Mut zu haben, den Stecker zu ziehen, bevor die Sicherung durchknallt. Denn echte Stärke zeigt sich nicht in der konstanten Höchstleistung, sondern im klugen Umgang mit dem, was der Akku gerade hergibt. Manchmal ist die radikalste Powerfrau-Aktion einfach die, zu sagen: "Heute habe ich nur 20% – und die reichen völlig."