Der Druck der guten Vorsätze
von Angela Hausotter – 05. Januar 2026Januar hat diese spezielle Lautstärke. Nicht im Außen. Eher so ein inneres Summen, das sagt: Jetzt aber. Als hätte das Jahr einen Startschuss, und wer nicht losrennt, verliert.
Und vielleicht kennst Du das: Du wachst auf, schaust kurz in Dein Leben – und plötzlich wirkt alles wie eine To-do-Liste. Mehr Sport. Weniger Zucker. Endlich Ordnung. Endlich Ruhe im Kopf. Endlich ich krieg mein Leben hin.
Und dann ist da noch Miss Sophie.
The same procedure as every year.
Nur dass es bei uns nicht um Sherry und Port geht, sondern um Selbstoptimierung. Um den Moment, in dem der Kalender umblättert und irgendwer (Spoiler: oft wir selbst) so tut, als müsste ab jetzt alles anders sein.
Warum gute Vorsätze sich so schnell wie Versagen anfühlen
Gute Vorsätze sind oft nicht das Problem. Der Druck ist es.
Der Druck entsteht, wenn aus einem Wunsch ein Urteil wird:
Wenn „Ich will mich besser fühlen“ zu „Ich muss das jetzt durchziehen“ wird.
Wenn „Ich probiere mal“ zu „Wenn ich scheitere, stimmt was nicht mit mir“ wird.
Wenn ein Ausrutscher nicht einfach ein Ausrutscher ist, sondern ein Beweis.
Und dann passiert dieses typische Januar-Ding: Du startest motiviert – und nach ein paar Tagen (oder Stunden) kommt das Leben dazwischen. Müdigkeit. Stress. Hormone. Kinder. Arbeit. Ein Nervensystem, das nicht auf „Neustart“ klickt, nur weil ein Kalenderblatt es verlangt.
Wenn Du ADHS hast (und/oder in den Wechseljahren bist): Willkommen im doppelten Januar
Bei ADHS ist Motivation kein verlässlicher Motor. Sie ist eher Wetter.
Und in den Wechseljahren kommt oft noch dieses hormonelle „Ich kann mich selbst nicht mehr lesen“ dazu: Schlaf schlechter, Reizbarkeit, Nebel im Kopf, emotionale Wellen. Du willst Struktur – aber Dein System fühlt sich an, als würdest Du sie mit nassen Händen festhalten.
Das ist kein Charakterproblem.
Das ist Biologie. Nervensystem. Dopamin. Hormone.
Und genau deshalb sind Vorsätze, die auf Härte und Durchhalten bauen, für viele Frauen nicht nur schwer – sondern brutal.
Der versteckte Satz hinter vielen Vorsätzen
Manchmal steckt hinter „Ich will abnehmen“ eigentlich:
„Ich will mich wieder sicher fühlen in meinem Körper.“
Hinter „Ich will produktiver sein“:
„Ich will nicht mehr ständig Angst haben, dass ich es nicht schaffe.“
Hinter „Ich will endlich Ordnung“:
„Ich will nicht mehr so viel Scham.“
Und wenn der Vorsatz scheitert, bleibt nicht nur das Ziel unerreicht – sondern der alte Schmerz wird lauter.
Und genau hier kommt dieses Miss-Sophie-Gefühl rein: Nicht, weil Du „zu blöd“ bist, es endlich zu schaffen.
Sondern weil Du jedes Jahr wieder versuchst, Dich mit denselben Werkzeugen zu reparieren.
Mehr Druck. Mehr Disziplin. Mehr „Jetzt aber wirklich“.
The same procedure as every year.
Eine andere Idee: Nicht Vorsätze. Sondern ein Kompass.
Was wäre, wenn Du dieses Jahr nicht mit einem Plan startest, sondern mit einer Frage?
Was würde meinem Nervensystem heute gut tun?
Nicht „Was müsste ich tun, um endlich richtig zu sein?“
Sondern:
Was beruhigt mich wirklich?
Was gibt mir Energie, ohne mich zu überfordern?
Was ist klein genug, dass ich es auch an schlechten Tagen halten kann?
Drei ADHS- und hormonfreundliche Mini-Alternativen zu Vorsätzen
Die 2-Minuten-Regel
Nicht „jeden Tag Sport“, sondern: 2 Minuten bewegen. Wenn mehr geht: Bonus. Wenn nicht: trotzdem gewonnen.
Ein Anker statt ein Programm
Eine Sache, die Dich stabilisiert. Zum Beispiel morgens Protein, abends Licht aus, mittags 5 Atemzüge am Fenster. Ein Anker ist leiser als ein Plan – aber oft wirksamer.
Die freundliche Auswertung
Statt „Warum bin ich so?“: Was war heute schwer? Was hat geholfen? Das ist keine Selbstoptimierung. Das ist Selbstkenntnis.
Wenn Du gerade denkst: „Ja, aber ich müsste doch…“
Dann lies den Satz nochmal. Langsam.
Ich müsste doch.
Das ist nicht Motivation. Das ist ein innerer Antreiber.
Und vielleicht ist 2026 nicht das Jahr, in dem Du Dich endlich härter machst.
Vielleicht ist es das Jahr, in dem Du lernst, Dich nicht mehr zu verlassen, nur weil Du einen Tag nicht funktionierst.
Kleiner Abschluss (zum Mitnehmen)
Du bist nicht zu spät. Du bist nicht kaputt. Du bist nicht „undiszipliniert“.
Du bist ein Mensch mit einem Nervensystem. Mit einem Körper. Mit einer Geschichte.
Und Du darfst Dir Ziele setzen – ohne Dich dabei zu bedrohen.
Wenn Du magst, antworte einfach auf diese Mail mit einem Satz:
Welcher Vorsatz macht Dir am meisten Druck – und was wäre die freundlichere Version davon?
Ich lese wirklich mit.
HerzlichAngela
PS: Wenn Du merkst, dass Du gerade nicht „mehr Disziplin“ brauchst, sondern mehr Stabilität (im Kopf, im Körper, im Alltag): Dann lass uns sprechen. In einem Klarheitsgespräch schauen wir gemeinsam, was bei Dir wirklich los ist – ADHS, Hormone, Nervensystem. Ohne Scham. Ohne „Reiß Dich zusammen“.