Warum Patientendaten in der Psychotherapie anders sind
von Marcus Woggesin – 10. Februar 2026Wenn Gedanken in der Cloud liegen...
Stellen Sie sich vor, Ihr intimstes Tagebuch, gefüllt mit Ängsten, Träumen und verletzlichsten Erinnerungen, liegt nicht in Ihrer Schublade, sondern in der Cloud eines privaten Unternehmens. Genau das passiert, wenn sensible Psychotherapiedaten – Diagnosen, Traumata, Beziehungsprobleme – in die Hände gewinnorientierter Plattformen gelangen.
Diese Daten sind kein normames „Big Data“. Es sind seelische Röntgenbilder. Ihr Missbrauch oder ihre Offenlegung kann Existenzen zerstören: Diskriminierung am Arbeitsplatz, Probleme bei Versicherungen, sozialer Rufmord. Die Schweigepflicht, das heilige Fundament der Therapie, wird hier zur Geschäftsgrundlage Dritter umfunktioniert.
Und genau hier lauert die Gefahr: Unternehmen, die scheinbar praktische Lösungen anbieten, sammeln oft eine unüberschaubare Menge hochsensibler Informationen. Was geschieht mit diesen Datenschätzen? Wer hat Zugriff? Werden sie für „anonymisierte“ Analysen genutzt, verkauft oder fließen sie in Scoring-Systeme ein? Im Falle einer Übernahme, eines Hacks oder einfach durch intransparente AGBs verlieren Patienten jede Kontrolle über ihre narrative Identität.
Es ist ein gefährliches Paradox: Im geschützten Raum der Praxis wird Heilung durch Offenbarung gesucht, während dieselben Offenbarungen digital zu einem handelbaren Risikofaktor werden können. Die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung darf nicht bedeuten, dass Patient:innen ihre Privatsphäre als Preis für vermeintlichen Komfort zahlen.
Wir müssen uns fragen: Wollen wir, dass die Kartei unserer Seele in Datenzentren lagert, deren Hauptinteresse nicht Heilung, sondern Profit ist? Der Schutz dieser Informationen ist keine technische Frage, sondern eine ethische Verpflichtung. Es geht nicht nur um Datenschutz. Es geht um den Schutz der Person selbst.