Heilung der Seele: Eine gefährliche Metapher?

von Marcus Woggesin – 26. Januar 2026

Stellen Sie sich die Seele nicht als gebrochenen Knochen vor, den man schienen kann. Stellen Sie sie sich vor als eine Landschaft. Verwittert von Stürmen, durchzogen von tiefen Schluchten der Angst, vielleicht überwuchert von dornigem Gestrüpp aus alten Mustern.

Kann Psychotherapie diese Landschaft heilen?

Das Wort "heilen" kommt aus der Medizin. Es verspricht Reparatur, Rückkehr zum Originalzustand. Doch unsere psychische Landschaft hat kein Original. Sie war immer im Fluss. Therapie ist keine Rückführung in einen unberührten Urzustand – den gab es nie.

Sie ist vielmehr ein Prozess der Besiedelung und Kultivierung. Der Therapeut ist kein Chirurg, sondern ein erfahrener Führer. Gemeinsam erkunden Sie das unwegsame Gelände. Sie lernen, die Schluchten zu umgehen, anstatt hineinzustürzen. Sie legen Feuerwehrschneisen durch das brennbare Gestrüpp der Gedanken. Sie entdecken verborgene Quellen der Stärke und bauen stabile Pfade, wo vorher nur rutschiger Schotter war.

Heilung hier bedeutet nicht, die Landschaft platt zu walzen. Es bedeutet, sie kennen zu lernen, zu akzeptieren und begehbar zu machen. Die Narben der Verwitterung bleiben sichtbar – aber sie erzählen nun eine Geschichte von Überleben, nicht mehr von purem Schmerz.

Die wahre "Heilung" ist die gewonnene Freiheit, das eigene, einzigartige Terrain zu durchwandern, ohne ständig in alte Fallen zu tappen. Es ist die Fähigkeit, auch bei Sturm den Weg zurück zum eigenen Zelt zu finden. Das ist kein medizinisches Heilversprechen. Es ist etwas vielleicht Wertvolleres: die Kunst, in seiner eigenen Geschichte zu Hause zu sein.