ADHS, Wechseljahre und Schnee
von Angela Hausotter – 08. Januar 2026Heute Morgen war alles leiser.
Nicht, weil mein Kopf plötzlich Zen kann. Sondern weil Schnee diese seltsame Fähigkeit hat, die Welt zu dämmen. Als hätte jemand einen Teppich über den Lärm gelegt.
Und gleichzeitig: Zack. Pflicht.
Schneeschippen. Glatteis. Streupflicht. Dieses „Du musst jetzt funktionieren“, bevor Du überhaupt richtig wach bist.
Wenn Du ADHS hast und in den Wechseljahren bist, kennst Du vielleicht genau diese Kombi: Innen Chaos, außen Anforderungen. Und dann kommt der Winter und macht beides gleichzeitig lauter.
Schnee als Decke und Spiegel
Schnee ist eine Decke. Er legt sich über alles und macht es stiller.
Und Schnee ist ein Spiegel. Er macht sichtbar, was sonst so nebenbei passiert.
Wo Du rutschst.
Wo Du ausweichst.
Wo Du Dich zusammenreißt.
Wo Du merkst: Ich habe keinen Puffer mehr.
ADHS ist oft: Reize kommen ungefiltert rein. Prioritäten springen. Der Kopf denkt in 12 Tabs.
Wechseljahre sind oft: weniger Puffer. Schlaf fragiler. Emotionen schneller oben. Der Körper reagiert früher mit „zu viel“.
Und Schnee? Schnee fragt nicht, ob es gerade passt.
Er liegt da. Still. Schön. Und er bringt Aufgaben mit.
Der Druck unter der weißen Decke
Schnee ist dieses „Oh, wie schön“.
Und dann ist da die andere Stimme: „Hast Du gestreut? Was, wenn jemand ausrutscht? Was, wenn Du es vergisst? Was, wenn Du zu spät bist?“
Das ist nicht übertrieben. Das ist Nervensystem.
Wenn Dein System sowieso schon auf Alarm steht, wird Glatteis nicht nur glatt. Es wird Bedrohung.
Und dann passiert etwas Gemeines: Aus einer Pflicht wird ein Charaktertest.
Schneeschippen ist kein Charaktertest
Ich sag das so deutlich, weil es so vielen von uns in den Kopf rutscht:
Wenn Du es nicht schaffst, morgens direkt zu schippen, bist Du nicht faul.
Wenn Du das Streuen vergisst, bist Du nicht verantwortungslos.
Wenn Du Dich überfordert fühlst von etwas, das andere „mal eben“ machen, bist Du nicht kaputt.
Du hast ein System, das in Stress schneller auf Alarm geht. Und manchmal ist Winter einfach Alarm.
Und dann ist da diese Ruhe
Manchmal, wenn der Schnee liegt, passiert etwas Seltsames.
Der Kopf wird nicht leer.
Aber er wird anders.
Wie wenn die Welt weniger Input liefert und Dein Gehirn plötzlich Platz hat, Dinge zu verbinden. Ideen. Bilder. Sätze. Lösungen.
Viele ADHS-Frauen kennen das: Kreativität kommt nicht, wenn man sie bestellt. Sie kommt, wenn das System kurz nicht im Kampf ist.
Schnee kann genau das sein: eine kleine Pause für die Reizflut.
Vielleicht ist das der Winter-Geschenk-Moment: Nicht mehr schaffen.
Sondern mehr spüren, was eigentlich da ist, wenn es mal leiser wird.
Und jetzt ganz praktisch: Drei kleine Winter-Hacks
1) Mach die Pflicht so klein, dass sie Dich nicht frisst
Nicht: „Ich muss den ganzen Gehweg perfekt machen.“
Sondern: „Ich mache eine sichere Spur.“
Eine Spur ist realistisch. Eine Spur ist machbar. Eine Spur ist Sicherheit ohne Selbstbestrafung.
2) Bau Dir eine Streupflicht-Erinnerung, die nicht nach Disziplin klingt
ADHS braucht nicht mehr „Reiß Dich zusammen“, sondern bessere Auslöser.
Streusalz oder Granulat sichtbar an die Tür (nicht in den Keller)
Schaufel so hinstellen, dass Du drüber stolperst (ja, wirklich)
Handy-Erinnerung mit einem Satz, der freundlich ist: „Sicherer Weg für Dich.“
3) Wärme, bevor Du Leistung willst
Wenn Du in den Wechseljahren bist, kann Kälte wie ein Extra-Stressor wirken.
2 Minuten vor der Tür:
warmes Getränk in die Hand
Schultern hochziehen, ausatmen, fallen lassen (3x)
einmal bewusst: „Ich muss nicht gegen meinen Körper arbeiten.“
Eine Frage für Dich (wenn Du magst)
Wenn Du heute kurz stehen bleibst über dem Schnee:
Was wird in Dir leiser über Winter überhaupt?
Und was taucht dann auf, wenn es leiser wird?
Wenn Du willst, antworte mir mit einem Wort. Wirklich nur eins.
Herzlich Angela
PS: Wenn Du gerade merkst, dass Dich solche „kleinen“ Alltagsdinge (Pflichten, Reize, Wetter, Schlaf) viel härter treffen als früher: Das ist oft kein „Du stellst Dich an“. Das ist die Kombi aus ADHS plus Wechseljahre plus Nervensystem. In einem Klarheitsgespräch sortieren wir gemeinsam, was bei Dir gerade wirklich los ist über Körper, Kopf und Alltag. Ohne Scham. Ohne Durchhalteparolen.