Reputation – das geistige Fondue, das keiner bestellt hat

von Marcus Woggesin – 16. Januar 2026

Ah, Reputation. Der heilige Gral, den selbstständige Psychologen und Therapeuten heute nicht mehr in jahrelanger, seriöser Arbeit schmieden, sondern – welch Wunder – im digitalen Schlachtfeld der Aufmerksamkeit erjagen wollen. Man könnte sie fast essen, diese Reputation, so weichgekocht und geschmacklos wird sie mittlerweile serviert.

Statt sich auf ihre eigentliche Kernkompetenz – oh, ich weiß nicht, vielleicht Menschen zu helfen – zu konzentrieren, investiert die moderne psychologische Fachkraft lieber in das next-level Marketing-Äquivalent eines blinken „Klick mich!“-Schildes. Wir sehen: Insta-Profile, die weniger an eine Praxis erinnern als an das Tagebuch einer esoterisch-verwirrten Teenagerin. #Mindfulness als Hundepfote im Sand. TikTok-Videos, in denen komplexe Traumata in 30 Sekunden zwischen einem Tanz-Trend und einem Rezept für Avocado-Toast erklärt werden. Tiefgründige Posts, die so originell sind wie „Selbstliebe ist wichtig“ vor einem Sonnenuntergangs-Filter.

Die Ironie ist köstlich und bitter zugleich: Während sie verzweifelt versuchen, als „Marke“ zu leuchten, löschen sie das eigentliche Feuer ihrer Glaubwürdigkeit. Der Klient, der nach einem seriösen Therapeuten sucht, wird von diesem Content-Overkill nicht angezogen – er wird verdutzt. Er sucht Kompetenz und findet Kuratiertes Chaos. Er sucht Vertrauen und findet Verkaufsgespräche.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Man kann Reputation nicht essen. Aber man kann sie, wie eine labberige Tiefkühlpizza, mit billigen Zutaten vollstopfen, bis sie ungenießbar wird. Die beste Marketingstrategie für einen Therapeuten? Vielleicht einfach… ein guter Therapeut zu sein. Ein revolutionärer Gedanke, ich weiß. Aber was weiß ich schon, ich investiere ja nicht in bezahlte Werbung für „Schnelle Seelenpflaster“-Seminare.

Die wahre Reputation ist kein Hashtag. Sie ist das, was bleibt, wenn der letzte Story-Highlight verblasst ist. Ein Spiegel, in den man besser nicht zu lange schaut, wenn man ihn ständig mit Unsinn verkittet hat.