Ist der Staat eine narzissstische Persönlichkeit?

von Marcus Woggesin – 22. Februar 2026

Man stelle sich eine Person vor, die immer Recht hat. Eine Person, die zärtlich fürsorglich sein kann, aber sofort zur rauen Hand greift, wenn man ihr widerspricht. Eine Person, die uns einflüstert, wir seien ohne sie verloren, und die uns gleichzeitig dafür bestraft, dass wir ohne sie nicht leben können. Klingt nach einem toxischen Partner? Nein, es ist die Beschreibung dessen, was wir respektvoll „den Staat“ nennen. Zeit für eine Visite auf der Couch der Politischen Psychologie.

Schauen wir uns das Gewaltmonopol an. Der Staat ist der Einzige im Dorf, der den großen, schweren Knüppel im Schrank haben darf. „Für deine Sicherheit“, flüstert er, während er uns die Waffe zeigt. Das ist keine böse Absicht, sagt er, das ist Fürsorge. Wenn der Nachbar mich schlägt, ist das Körperverletzung. Wenn der Staat mich schlägt, ist das „polizeiliche Maßnahme“ oder im Extremfall „legitime Exekutive“. Der Narzisst definiert die Regeln neu, während er sie bricht.

Dann die Manipulation: Der Staat kommt nicht nur mit dem Knüppel, sondern auch mit einer bunten Tasche voller Süßigkeiten. Er lockt mit Subventionen, Steuererleichterungen und dem warmen Gefühl der sozialen Sicherheit. Wir nehmen die Süßigkeiten – und merken nicht, wie wir immer tiefer in die Tasche greifen müssen, um sie zu bezahlen. Am Ende kleben wir fest, abhängig von der Hand, die uns füttert.

Das perfideste Werkzeug des staatlichen Narzissmus ist jedoch das Gaslighting. Wenn die Verwaltung versagt, wenn die Straßen voller Schlaglöcher sind, wenn die Digitalisierung an der Papierakte scheitert, dann dreht der Staat den Spieß um. Plötzlich sind *wir* das Problem. Wir haben zu hohe Erwartungen. Wir sind nicht bürgerfreundlich genug. Wir verstehen die komplexe Lage nicht. Der Staat tut doch schon so viel! Der Bürger wird zum undankbaren Kind, das die Leistungen des allmächtigen Vaters nicht zu würdigen weiß.

Und wehe, man zweifelt ihn an. Dann kommt die narzisstische Kränkung. Wer das System infrage stellt, wird nicht nur ignoriert, sondern pathologisiert. Man ist nicht einfach anderer Meinung, man ist ein „Verschwörungstheoretiker“ oder „Staatsfeind“. Die Diagnose ist gestellt.

Vielleicht ist die Frage also falsch. Vielleicht ist der Staat nicht *wie* ein Narzisst. Vielleicht ist er der Ur-Narziss, der sich im Teich der Macht spiegelt und sein Abbild so sehr liebt, dass er alles andere darin ertränkt. Die eigentliche Frage ist nur: Sind wir die Nymphe Echo, die nur noch wiederholen darf, was er sagt – oder wagen wir endlich den Blick zur Seite?