Angehörige psychisch kranker Menschen
von Nicole Doppler – 26. Februar 2026Zwischen Mitgefühl, Verantwortung und dem Verlust eigener Grenzen
Angehörige psychisch erkrankter Menschen stehen oft vor besonderen Herausforderungen. Neben der Sorge um den geliebten Menschen erleben sie nicht selten eine eigene, stille Belastung - emotional, körperlich und im Alltag. Vieles davon geschieht im Hintergrund und bleibt nach außen unsichtbar.
Wenn ein nahestehender Mensch psychisch erkrankt, tauchen häufig Gefühle wie Hilflosigkeit, Überforderung, Angst oder Trauer auf. Manchmal auch Wut, Erschöpfung oder innere Leere. Diese Reaktionen sind menschlich und nachvollziehbar, auch wenn viele Angehörige sich dafür schämen oder glauben, „nicht jammern zu dürfen“.
Zwischen Fürsorge und Selbstverlust
Viele Angehörige stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, aus Liebe, Verantwortung oder aus dem Gefühl heraus, ständig verfügbar sein zu müssen. Eigene Interessen, Erholungsphasen oder Grenzen geraten dabei leicht aus dem Blick.Langfristig kann das jedoch dazu führen, selbst auszubrennen oder die eigene Stabilität zu verlieren und das gerade dann, wenn man eigentlich besonders viel Kraft braucht.
Selbstfürsorge ist kein Egoismus. Sie ist eine notwendige Voraussetzung, um überhaupt dauerhaft für einen anderen Menschen da sein zu können. Nicht umsonst heißt es im Flugzeug „Setzen Sie sich im Falle eines Druckverlusts ZUERST die eigene Maske auf. DANN helfen Sie mitreisenden Kindern und anderen Personen, die Hilfe benötigen.“
Austausch und Entlastung
Der Kontakt zu anderen Angehörigen – etwa in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren – kann sehr entlastend sein. Zu erleben, dass andere ähnliche Gedanken, Zweifel oder Schuldgefühle kennen, kann helfen, sich weniger allein zu fühlen. Sätze wie„Mir darf es nicht zu viel sein“ oder„Ich bin ja nicht krank“ sind unter Angehörigen weit verbreitet und dürfen behutsam hinterfragt werden.
Klarheit über Rollen und Möglichkeiten
Angehörige sind Unterstützer:innen, aber keine Therapeut:innen oder Ärzt:innen.Informationen über die Erkrankung, mögliche Behandlungswege und Unterstützungsangebote können helfen, Sicherheit zu gewinnen und realistische Erwartungen zu entwickeln. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und Verantwortung nicht allein zu tragen.
In manchen Situationen spielen auch rechtliche Fragen eine Rolle, etwa zu Vollmachten oder langfristiger Betreuung. Sich frühzeitig zu informieren, kann entlastend wirken.
Unterstützung annehmen
Angehörigenberatung oder therapeutische Begleitung kann helfen, die eigene Situation zu sortieren, die Beziehung zum erkrankten Menschen zu entlasten und einen stimmigeren Umgang mit den eigenen Gefühlen zu finden. Auch hier gilt: Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Fürsorge – sich selbst gegenüber.
Ein leiser, aber wichtiger Gedanke zum Schluss:
Der Umgang mit einem psychisch erkrankten Angehörigen ist anspruchsvoll und oft sehr kräftezehrend. Sie dürfen müde sein. Sie dürfen zweifeln. Und Sie dürfen gut für sich sorgen, ohne Schuldgefühle.
Denn auch Ihr Wohlergehen zählt.