Ein Frauenkörper erzählt eine Geschichte

von Heika Rogge - Meinen – 25. März 2026

Ein Frauenkörper erzählt keine Makel. Er erzählt Leben.

Wenn wir über Selbstwert sprechen, denken viele zuerst an innere Stärke, an Selbstbewusstsein, an Grenzen, an den eigenen Platz im Leben.

Doch Selbstwert zeigt sich auch an einer ganz stillen, oft schmerzhaften Stelle:
in der Beziehung zum eigenen Körper.

Denn die Frage ist nicht nur, wie wir leben.
Die Frage ist auch:

Wie schauen wir auf unseren Körper?
Mit Achtung?
Mit Dankbarkeit?
Mit Milde?
Oder mit ständiger Kritik?

Viele Frauen tragen über Jahre einen harten Blick auf sich selbst.
Gerade Frauen in der Lebensmitte.
Frauen, die Kinder geboren haben.
Frauen, die funktioniert haben.
Frauen, die für andere da waren, Verantwortung getragen, Belastungen ausgehalten und oft lange durchgehalten haben.

Der Körper verändert sich.
Durch Schwangerschaften.
Durch Stress.
Durch hormonelle Umstellungen.
Durch die Wechseljahre.
Durch gelebtes Leben.

Und genau in dieser Phase erleben viele Frauen, wie streng sie mit sich selbst sind.
Weil der Körper nicht mehr so aussieht wie früher.
Weil er weicher geworden ist.
Weil er Spuren trägt.
Weil er nicht dem Bild entspricht, das uns von außen immer noch verkauft wird.

Noch immer hält sich die Vorstellung, eine Frau müsse makellos sein, um schön zu sein.
Ohne Narben.
Ohne Falten.
Ohne Veränderungen.

Doch das ist ein falsches und oft grausames Bild.

Denn jede Narbe erzählt eine Geschichte.
Jede Falte ist Ausdruck von Leben.
Jede Veränderung am Körper steht für Erfahrungen, für Kraft, für Tragen, für Verluste, für Liebe, für Mut, für Zeiten des Überlebens.

Ein Frauenkörper ist kein Objekt zur Bewertung.
Er ist ein lebendiger Teil unserer Geschichte.
Er ist nicht gegen uns.
Er ist mit uns gegangen.

Und manchmal hat der Körper Dinge für uns getragen, die wir selbst kaum benennen konnten.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann, den eigenen Körper wirklich anzunehmen.
Wenn man sich nicht gesehen fühlt.
Wenn man sich nach Liebe und Anerkennung sehnt.
Wenn man immer wieder auf Äußerlichkeiten reduziert wird.
Wenn das, was man innerlich ist, nicht genügend Raum bekommt.

Dann wird Essen manchmal zu Trost.
Gewicht manchmal zu Schutz.
Der Körper manchmal zu einem Mantel, der etwas abhalten soll:
Verletzung, Abwertung, Kränkung, Einsamkeit.

Viele Frauen verurteilen sich dafür.
Aber hinter diesem Verhalten liegt oft kein Versagen.
Sondern eine Geschichte.
Eine Prägung.
Ein seelischer Schutzmechanismus.

Und gleichzeitig ist der Körper nicht nur Ausdruck unseres Schmerzes.
Er ist auch Ausdruck unserer Kraft.

Er hat getragen.
Er hat gehalten.
Er hat funktioniert.
Er hat uns durch Tage gebracht, an denen wir selbst kaum noch gespürt haben, wie erschöpft wir eigentlich sind.

Doch wenn wir ihn auf Dauer übergehen, sendet er Signale.
Leise.
Dann deutlicher.
Und manchmal sehr deutlich.

Mein Körper hat 2018 die Notbremse gezogen – mit meinem Schlaganfall.

Für mich war das nicht nur ein medizinisches Ereignis.
Es war auch eine tiefe innere Botschaft.
Ein Halt.
Ein Ruf, hinzuschauen.
Nicht nur auf Leistung, nicht nur auf Funktionieren, sondern auf das, was Körper und Seele gemeinsam tragen.

Seitdem ist für mich noch klarer geworden:

Selbstwert ist nicht nur, wie wir über uns denken.
Selbstwert ist auch, wie wir mit unserem Körper leben.

Ob wir ihn nur kontrollieren wollen.
Ob wir ihn abwerten.
Ob wir ihn ignorieren.
Oder ob wir beginnen, ihn als Verbündeten zu sehen.

Den eigenen Körper wertzuschätzen heißt nicht, ihn immer schön zu finden.
Das wäre zu einfach gesagt.
Es heißt vielmehr, ehrlich hinzuschauen und trotzdem liebevoller mit sich zu werden.

Es heißt, die eigenen Spuren nicht nur als Makel zu sehen, sondern als Ausdruck gelebten Lebens.
Es heißt, auf die Signale des Körpers zu hören.
Es heißt, ihm Raum zu geben.
Ihn ernst zu nehmen.
Ihn zu versorgen.
Ihn bewusst zu stärken.

Denn Selbstfürsorge ist nicht oberflächlich.
Sie ist Beziehung.
Zum eigenen Inneren.
Zur eigenen Geschichte.
Und auch zum eigenen Körper.

Manchmal beginnt diese Veränderung mit einer einzigen neuen Frage:
Nicht mehr nur:
Warum bin ich so?
Sondern:
Was brauche ich wirklich?

Vielleicht mehr Ruhe.
Mehr Annahme.
Mehr Bewusstheit.
Mehr Nährstoff für Körper und Seele.
Mehr Verständnis für die Zusammenhänge im eigenen Leben.
Mehr Mitgefühl mit sich selbst.

Wir dürfen lernen, uns nicht erst dann anzunehmen, wenn wir irgendeinem Ideal entsprechen.
Nicht erst mit weniger Gewicht.
Nicht erst mit weniger Falten.
Nicht erst mit einem „besseren“ Körper.

Sondern jetzt.
Mit dem Körper, der uns bis hierher getragen hat.

Ein Frauenkörper muss nicht makellos sein, um wertvoll zu sein.
Er ist wertvoll, weil er Leben trägt.
Weil er Erfahrungen speichert.
Weil er fühlt.
Weil er uns Tag für Tag durchs Leben bringt.

Und vielleicht beginnt genau dort Heilung im Alltag:
Wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.
Und anfangen, uns mit mehr Achtung zu begegnen.

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