Sinn des Lebens
von Heika Rogge - Meinen – 18. Februar 2026Was bleibt, wenn alles weggeräumt ist? Vielleicht genau das, was man nicht einpacken kann.
In meiner Nähe steht ein Haus zum Verkauf.
Jahrelang habe ich beobachtet, wie morgens und abends ein ambulanter Pflegedienst dorthin fuhr. Still und zuverlässig. Ein Kommen und Gehen, das man irgendwann „normal“ findet – bis man merkt: Das ist kein Alltag. Das ist ein Abschied auf Raten.
Rund ums Haus sah man es auch: weniger Pflege, weniger Leben, mehr Stillstand. Als würde die Zeit langsamer werden. Als würde das Haus mitatmen – und irgendwann nicht mehr.
Und dann: plötzlich ein Schild. Zu verkaufen.
Kurz darauf Container. Türen offen. Menschen, die Dinge heraustragen. Möbel, Kartons, Erinnerungsstücke. Alles wird sortiert, gestapelt, entsorgt. Ein Leben wird aufgelöst.
Und da trifft mich diese Frage jedes Mal mit einer nüchternen Wucht:
Was bleibt von uns übrig, wenn wir gehen?
Wir müssen uns nichts vormachen:
Eine Zeit lang erinnern sich Kinder, Partner, Freunde. Und irgendwann gehen auch sie. Dann wird aus einem Menschen ein Name, aus einem Namen ein Punkt in einer Familiengeschichte – und irgendwann nicht einmal das.
Wenn ich sehe, wie ein Haushalt „abgewickelt“ wird, wie schnell aus „mein“ zu „weg damit“ wird, dann berührt mich vor allem eines:
Wie vergänglich das ist, was wir anfassen können – und wie wenig Kontrolle wir darüber haben, was später damit geschieht.
Und genau da schließt sich für mich der Kreis zu dem, was ich in den letzten Wochen thematisiert habe: Prägung, Herkunftsfamilie, Rollen im Leben – und transgenerationale Muster.
Denn vieles, was wir tun, geschieht nicht nur aus freiem Willen, sondern aus dem, was wir gelernt haben: wie man „richtig“ lebt, wie man „funktioniert“, was man „hinterlässt“, woran man sich festhält.
Aber wenn am Ende die Dinge gehen – und wir gehen – bleibt eine andere Wahrheit übrig:
Der Sinn des Lebens liegt nicht in dem, was wir besitzen.
Sondern in dem, was wir erlebt, gegeben und in uns gespeichert haben.
Ein gutes Gespräch.
Ein Lächeln einer fremden Person.
Ein Kind, das dich anstrahlt.
Ein Hund, der auf dich zuläuft, als wärst du die ganze Welt.
Ein Sonnenaufgang. Ein Sonnenuntergang.
Sterne, die dich daran erinnern, wie groß das Leben ist – und wie kostbar.
Das sind keine Kleinigkeiten. Das sind Anker.
Und diese Anker nimmst du nicht in Kartons mit. Du trägst sie in dir.
Vielleicht ist das das, was bleibt:
Nicht die Möbel. Nicht die Sammlung. Nicht das, was man versichern kann.
Sondern die Spuren, die wir in Herzen hinterlassen – und die Spuren, die das Leben in uns hinterlässt.
Wenn du heute ehrlich hinschaust:
Wofür lebst du gerade – für Dinge oder für Momente?
Und welche Rolle lebst du dabei am stärksten?